WAZ 29. Jan. 2007
Marathon im Alter - Gefahr fürs Herz
Studie des Westdeutschen Herzzentrums: Marathoni leiden unter deutlich mehr* Arteriosklerose. Ein Studienteilnehmer erlitt Herzinfarkt
Von Petra Koruhn
Essen. Damit hatten die Experten nicht gerechnet. Als sie in einer großen Herz-Kreislauf-Studie 108 Marathonläufer zwischen 50 und 75 Jahren untersuchten und feststellten, dass deren Gefäße genauso viel* Kalkablagerung aufwiesen wie gleichaltrige unsportliche Männer. Privatdozent Stefan Möhlenkamp: „Und das obwohl die Marathoni um 50 Prozent weniger Risikofaktoren zeigten." Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Blutfette, Übergewicht. Möhlenkamp: „Sport an sich ist gut, aber sehr viel Sport ist eher ungünstig."
Die Geschichte der Untersuchung am Westdeutschen Herzzentrum beginnt mit einem spektakulären Fall. „Wenige Tage nach dem Köln-Marathon wurde bei einem Läufer der Studie ein Herzinfarkt festgestellt. Der Sportler hatte das gar nicht bemerkt. Er war wohl etwas erschöpft und steif nach dem Lauf, ansonsten aber beschwerdefrei." Doch die Untersuchungen hätten eindeutig einen Herzinfarkt nachgewiesen. „Schon drei Tage später erhielt der Läufer eine Bypass-Operation."
Die Ergebnisse der Studie wurden von den Essener Wissenschaftlern bei der Jahrestagung der American Heart Association in Chicago vorgestellt. Die Resonanz, so Möhlenkamp „war enorm", sofort erschien ein Artikel in der New York Times. "
Das Fazit heiße keinesfalls: faul auf dem Sofa abzuhängen. „Im Gegenteil. Laufen ist gesund. Es ist für die körperliche und geistige Fitness von entscheidender Bedeutung. Es geht uns besser, wenn wir laufen. Doch ein gesunder Ausdauersport ist etwas anderes als die Extrembelastung eines Marathons."
Warum das Arteriosklerose-Risiko so hoch ist? „Wir vermuten, dass viele erst mit 40 Jahren damit angefangen haben. Und vielleicht vorher ungesund gelebt haben. Wir haben in der Altersgruppe das Arteriosklerose-Risiko noch nicht im Griff."
Also kein Marathon im Alter? „Es wäre fast besser. oder wenn, dann nur extrem gut durchgecheckt."
Auch die Ärzte müssten hinzu lernen: „Schlank, keine hohen Blutfette - diese Kriterien reichen nicht mehr aus, um eine sichere Diagnose zu stelllen." Um die Arteriosklerose zu finden, brauche man bildgebendeVerfahren wie Herz-Computertomographie.
Ein Rezept gebe es, damit Sport im Alter mit möglichst wenig Gefahren verbunden ist: „Es ist wichtig, so früh wie möglich mit der Bewegung anzufangen".
* Unterstreichungen vom Webmaster
KOMMENTAR:
Dietmar Schramm schrieb am 30.01.07: Marathon im Alter - Gefahr fürs Herz?
Die WAZ berichtete am 29. Januar über eine Studie des Westdeutschen Herzzentrums.
Danach leiden Marathoni deutlich mehr unter Arteriosklerose als gleichaltrige unsportliche Männer.
Nach dem Bericht wurden 108 Marathonläufer zwischen 50 und 75 Jahren untersucht. Obwohl sich bei den Marathoni viel weniger der üblichen Risikofaktoren (Bluthochdruck, Übergewicht, Blutfette) zeigten, wurden in den Gefäßen genauso viele Kalkablagerungen festgestellt wie bei Nichtläufern. Als Fazit wurde festgestellt: „Sport an sich ist gut, aber sehr viel Sport ist eher ungünstig."
Was heißt das? Ist Marathon Harakiri? Meines Erachtens werden die kausalen Zusammenhänge nicht klar genug beschrieben. Wenn vermutet wird, dass viele erst spät mit dem Laufen angefangen haben, dann ist wohl auch dies nicht richtig hinterfragt worden. Andernfalls könnte man eine Feststellung treffen und müsste nicht lediglich Vermutungen anstellen. Wenn außerdem gemutmaßt wird, dass ein Teil der Sportler vielleicht vorher nicht gesund gelebt hat, dann schränkt das die generelle Behauptung, Marathon sei gefährlich, ein. Unklar bleibt, ob es altersspezifische Gefährdungen gibt oder der allgemeine Gesundheitszustand ausschlaggebend ist. Eine Langzeitstudie mit gesicherten Erkenntnissen steht wohl auch noch aus.
Unbestritten ist Marathon eine extreme Belastung. Man sollte gesund sein, wenn man sich daran macht. Mein Arzt hat mir vor einem halben Jahr dazu gesagt, dass er es aus medizinischer Sicht niemanden empfehlen würde einen Marathon zu laufen. Ein Bekannter von mir, 56 Jahre alt, der aktiver Marathonläufer ist, hat es etwas drastischer ausgedrückt: „Marathon ist so gesund wie zwei Kästen Bier zu trinken." Das ist sicher sehr bildhaft überspitzt; der Mann ist Pfarrer von Beruf. Also zwei Kästen Bier schaffe ich garantiert nicht, maximal vielleicht vier Flaschen, da ich mit Alkohol sehr zurückhaltend umgehe. Rückschlüsse auf den beabsichtigten Marathon und dazu gehörige Trainingsmethoden möchte ich daraus eher nicht ziehen. Was mich bei dieser Diskussion auch verwundert ist, dass sicher auch viele Ärzte Marathonläufer sind. Wenn man gesund ist und sich vernünftig vorbereitet, dann dürfte es auch keine Probleme geben. Ansonsten könnte man Startnummern ähnlich beschriften wie Zigarettenschachteln. Die EG-Gesundheitsminister: "Marathon gefährdet Ihre Gesundheit." Oder: „Marathon fügt Ihnen erheblichen Schaden zu."
Laufen war ich übrigens auch schon, ein Stündchen nur, also eher ungefährlich, mit Tempowechseln, hat richtig Spaß gemacht.
Eines dürfte jedenfalls unstrittig sein: die Tage werden langsam wieder länger. Und das ist fürs Laufen eine echte Erleichterung.
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